Deutschsein
5. September 2011
Ich hatte – mal wieder – großes WG-Glück hier in Bloomington. Meine Mitbewohnerin ist wirklich lieb. Und sie ist vor allem interessiert.
Regelmäßig passiert es dadurch, dass wir innerhalb von fünf Minuten von unverfänglichen Alltagsgesprächen zu den ganz großen Themen kommen. Eines dieser Themen ist die deutsche Geschichte. Geschichte war ihr Hauptfach im Bachelor, im Bücherregal in unserem Wohnzimmer stehen Titel wie „Bloodlands, Europe between Hitler and Stalin“ und die Chance, aus „quasi erster Hand“ eine deutsche Sicht auf die Vergangenheit kennenzulernen, lässt sie sich natürlich nicht entgehen.
Nun hat man sich in der Schule und im Leben natürlich ausgiebig mit der Geschichte auseinandergesetzt, aber Gespräche darüber habe ich bisher meist mit anderen Deutschen geführt. In der einen oder anderen Art teilt man durch die Sozialisierung nicht nur eine Wissensordnung, sondern hat auch ähnliche Erfahrungen hinsichtlich der eigenen langwierigen Urteilsbildung und der empfundenen Stellung in der Welt/Zeit gemacht.
Auf Grace’ Fragen nun ohne diesen gemeinsamen Hintergrund zu antworten, konfrontiert mich nun mit neuen Herausforderungen – auch derjenigen, mich unter neuen Umständen noch einmal mit meinem Geschichtsbild und der Vergangenheit an sich (und dem Verhältnis der beiden) auseinander zu setzen.
Fragen wie „Wie wird der 1. Weltkrieg erinnert?“ gehören der einfacheren Kategorie an, weil man wenig bewerten muss und auf scheinbar objektives Wissen und Beschreibungen zurückgreifen kann.
„Gab es Deutsche, die keine Nazis waren?“ wird schon schwieriger, wenn man Mitläufertum erklären aber nicht entschuldigen möchte. Und die Anschlussfragen „Hat jeder jemanden in seiner Familie, der an den Verbrechen beteiligt war? Und wie geht ihr damit um? Was haben deine Großeltern gemacht?“ bringen das ganze Gespräch dann in eine Zone, in der Subjektivität unvermeidbar ist. Auch wenn ich dann versuche, deutlich zu machen wie relativ und persönlich geprägt meine Antworten sind, bin ich doch zumindest für einen Eindruck verantwortlich, den sie nicht nur von deutscher Geschichte, sondern auch von unserem Umgang mit ihr bekommt.
Und dann erkläre mal bitte sachlich, warum gerade in Ostdeutschland, auf dem Gebiet des ehemaligen deutschen Staates mit „real existierendem Sozialismus“ die Neo-Nazi-Szene so blüht. Gleichzeitig mit der Linken. – Bitte ohne durch zu einfache Kausalitäten einen „falschen“ Eindruck von „Gesamtdeutschland“ zu vermitteln. Durchaus komplex.
Meine eigenen Eindrücke und Bewertungen dann jeweils noch im Diskurs der Aufarbeitung zu verorten, mögliche andere Beurteilungen zu erwähnen und die allgemein vorherrschende Sicht versuchen abzuschätzen, machen die Pflicht dann erst zur Kür. Eine mit mehreren dreifachen Rittbergern, Doppelschrauben etc..
Ich hatte nicht erwartet, dass ich hier so schnell mit der deutschen Vergangenheit konfrontiert werde. Andererseits überrascht es mich auch, dass sie für mich persönlich immer wieder und immer noch ein so großes Thema ist, mit dem ich noch lange nicht abgeschlossen habe. Von der Gegenwart ganz zu schweigen.
