Halbzeit
19. Januar 2012
(Anmerkung: Der Artikel ist gestern leider nicht ganz fertig geworden, ganz akurat ist das “heute” also nicht mehr… Und um mal wieder Indiana zu zeigen: Die Fotos sind bei einem Winterspaziergang etwas außerhalb von Bloomington entstanden)

Heute – ganz genau heute – ist Halbzeit. Der Tag heute steht zwischen den beiden Hälften: Seit dem 12. August bis inklusive gestern waren es 5 Monate und 5 Tage. Bis zum 24. Juni, an dem ich wieder in Deutschland lande, sind es ab und inklusive morgen noch 5 Tage und 5 Monate.
Da wir schon in der 2. Woche des Semesters sind, fühlt sich diese Halbzeit etwas verschoben an, da sie ja die Zeit für das „Rumreisen nach Semesterende“ miteinberechnet. Ich möchte diesen halbwegs künstlichen Meilenstein dennoch zum Anlass nehmen, ein bisschen über die letzten Monate nachzudenken. Die Themen, über die ich hier in meinem Blog schreibe, sind meist ja eher „aus dem Leben gegriffen“, haben nicht gerade Distanz zum Geschehen und sind oft einfach Berichte, um euch liebe Menschen zu Hause auf dem Laufenden zu halten. Heute versuche ich also einen Schritt zurückzutreten und bringe mich selbst dazu, einmal auszuformulieren, was sonst zwar präsent, aber nicht unbedingt explizit ist.
Denken über Zeit
Die Zeit hier ist gleichzeitig eine Zeit weit weg von Zuhause. Das Wegsein ist für mich ein ebenso zentrales Gefühl, wie das Hiersein. Allerdings ist es schwerer, damit umzugehen, da ich es ja mit einer „Leerstelle“ zu tun habe, die sich nicht unbedingt in den Vordergrund spielt (Heimweh habe ich nicht). Ein weiteres Problem ist, dass ich nicht wissen kann, wie sich das Weggewesensein nach meiner Rückkehr anfühlen wird: Wird meine Hoffnung erfüllt und am Kern meiner Freundschaften zu Hause ändert sich wenig, auch wenn sich der Rahmen verändert hat? Meine Freunde und mich verbindet doch mehr, als nur das Zufällige Aufeinandertreffen in Zeit und Raum – dieses „Mehr“ muss doch unabhängig von meinem Wegsein weiterbestehen?! Viele Heimkehrer warnen vor Gegenteiligem. Kann ich die Ausnahme sein? Ich werde mir jedenfalls alle Mühe geben und hoffe auf euch, meine Freunde. Ich wünschte, ich hätte gerade mehr Zeit, mich bei allen regelmäßig zu melden (in diesem Kontext verfliegt die Alltagszeit viel zu schnell – ist der Blog wenigstens ein dürftiger Ersatz für persönliche Mails?).
Die Monate die ich hier verbracht habe, relativieren andere Zeiten. Ich habe zwar inzwischen Freunde, einen Alltag, eine Routine,… aber meist rauscht die Zeit einfach nur so vorbei. Der Alltag war so mit Alltäglichem (also Uni-Arbeit) ausgefüllt, dass die Wochen in einem Augenblinzeln vergingen. Das einzige, was sich am Ende des Monats geändert hat, ist die Länge meiner To-Do-Liste, auf der sich Name an Name reiht: Menschen, die längst mal wieder eine Nachricht verdient hätten, mit denen ich mich auf einen Kaffee treffen wollte, Skype-Verabredungen. Da tröstet es nicht, dass auch alle anderen Internationals, mit denen ich anfangs zu tun hatte, immer mehr in der Versenkung des Arbeitsstresses versinken.
Die ersten fünf Monate in Hamburg fühlten sich so viel länger an – zum einen, weil ich sie freier genießen konnte. Zum anderen (und das wohl vorrangig), da in diesen fünf Monaten Freundschaften entstanden sind, denen in meinem Leben eine große Bedeutung zukommt.
Denken über Raum
Manchmal muss ich mir ins Bewusstsein rufen, dass ich in den USA bin. Die Sprache wird selbstverständlich, oft habe ich auch Deutsch um mich und wenn ich am Lesen bin, kann ich stundenlang keinen Unterschied zu einem Bibliotheksnachmittag in Deutschland fühlen. Die Art, wie die Gesellschaft hier funktioniert, ist der zu Hause oft ähnlich. Die Entfernung wird für mich vorrangig spürbar, wenn ich telefoniere: Der Zeitunterschied lässt mich die räumliche Differenz spüren (übrigens: Ich finde ihn furchtbar! Die meisten Menschen in Deutschland sind genau dann erreichbar, wenn ich an der Uni bin… Das erschwert Kommunikation). Nur durch das Reisen wird mir langsam bewusster, dass Bloomington kein isolierter Punkt ohne Außen auf einer virtuellen Karte ist. Die USA sind so abstrakt, wie die Entfernung zu Europa und nur Schritt für Schritt begreife ich ihre Dimensionen. Hinsichtlich der Dimensionen sind allerdings wohl auch Flugzeuge nicht das ideale Verkehrsmittel der Erkundung.
Denken über Leben
Das waren bisher ja alles sehr abstrakte Worte (sorry, für die Zähheit der heutigen Lektüre). Deshalb nun endlich: Zum Leben. Manchmal muss ich mir in Erinnerung rufen, dass ich die Zeit hier als „großes Abenteuer“ sehen kann. Das gibt dem Alltag dann für ein paar Minuten ein bisschen Glanz. Tatsächlich besteht er natürlich zu 90 % aus der Uni. Das hat allerdings auch sein Gutes – in Anbetracht der Tatsache, dass Bloomington eine Kleinstadt ist, wäre es ansonsten nämlich wohl etwas leer. Ich hatte erwartet, dass mir Hamburg fehlt. Dass mir die Decke hier tatsächlich beständig droht, auf den Kopf zu fallen, hatte ich nicht erwartet. Regelmäßig muss ich die Stadt mal verlassen, sonst bekomme ich erste Anzeichen von Lagerkoller – da hilft kein ambitioniertes (Provinz-)Kulturangebot. Die unangefochtenen Highlights meiner Zeit hier sind deshalb natürlich die Reisen, die ich zutiefst genieße, die Motivation in grauen Arbeitsphasen sind und von denen ich hier ja ausführlich berichte.
Mein Urlaub bei meiner ehemaligen Gastfamilie war auch „kulturell“ ganz spannend. In dieser einen Woche fühlte ich die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Deutschland so viel deutlicher, als während der ganzen Zeit hier. Nicht nur dadurch, dass ich hier an einem Germanistischen Institut studiere, fühlt sich alles so viel weniger anders an, als 2003. Auch dadurch, dass ich unabhängig wohne, für mein Essen und meine Freizeitgestaltung selbst verantwortlich bin und auch wesentlich mehr übers Internet auf Deutsch kommuniziere (als 2003 zu Modem-Zeiten) habe ich viele meiner Routinen beibehalten. Den American Way of Life sehe ich eher von weitem – selbst das Fernsehen hilft mir da im Gegensatz zu anderen internationalen Studenten nicht weiter, da wir in der WG schlicht kein Fernsehgerät besitzen.
Denken übers Deutschsein
Am meisten hat mich wohl verblüfft, wie mir die Menschen hier begegnen, sobald sie mich als Deutsche erkennen (verblüffend häufig wird mein Akzent als „französisch“ missinterpretiert – keine Ahnung, warum). Natürlich erzählt mir gleich jeder von Bekannten/Verwandten, die in Deutschland wohnen – ob ich vielleicht sogar eine Stadt namens „Bog-Häm, Bug-chum, Boghom“ kenne?! Inzwischen habe ich auch mehrere Leute getroffen, die selbst mit der Army in Deutschland stationiert waren. Im Gespräch wird von mir oft so etwas wie Stolz auf mein Land erwartet (angesichts des amerikanischen Patriotismus ist das wohl nicht verwunderlich) und um mir den einfacher zu machen, äußern meine Gesprächspartner Anerkennung für Deutschlands politische Stärke, deutsche Autos, die deutschen Landschaften/Städte und die deutsche Wirtschaft. Fast jeder kann ein paar Brocken deutsch und überraschend viele lernen deutsch an der Uni oder hatten es an der Schule. Anscheinend lässt sich Deutsch an der Uni gerade „gut verkaufen“ – als Investition in die Zukunft, die vielleicht auf Dauer in Deutschland ökonomisch solider aussieht, als in den Vereinigten Staaten.
Befremdlicher ist für mich der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg (hier meist WWII abgekürzt). Filme über den Krieg, Sachbücher und Dokumentationen sind hier als Unterhaltung durchaus populär. Deshalb habe ich ja auch hier schon einmal darüber geschrieben. Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, dass die Perspektive vieler Amerikaner auf WWII auch durch den Kriegsausgang eine andere, als meine eigene ist: Die Amerikaner waren Sieger. Ich selbst habe den Krieg immer als Katastrophe der Menschheit empfunden, die keine Sieger kennen kann. Als die 1945 endlich zu einem Ende kam, standen die Vereinigten Staaten allerdings als ruhmvolle Befreier da – die Guten. Mit dieser Rolle fällt eine Identifikation leichter, als mit den komplexeren Verstrickungen im Korea- oder Vietnamkrieg. Zu diesen beiden Kriegen gibt es weniger Freizeitunterhaltung. Dank dieses ganzen WWII-Materials sind viele Amerikaner allerdings wirklich gut über den Krieg informiert. Das erleichtert Gespräche und meist werden mir Fragen zu weniger prominenten Themen oder der deutschen Vergangenheitsbewältigung gestellt. Unschöne Vorurteile gegenüber Deutschen sind mir zum Glück bisher noch nicht begegnet.
Apropos Vorurteile und Deutschsein: Meine Freunde hier sind viel zu höflich, als dass sie sich in irgendeiner Weise über kulturelle Unterschiede oder meinen Akzent lustig machen würden. Zu meiner Gastfamilie in Minnesota habe ich da ein anderes, auch intimeres Verhältnis, sodass wir regelmäßig auch über mich und mein Englisch gelacht haben (was mir allerdings auch endlich mal erlaubt hat, an meinem Akzent zu arbeiten – hier in Bloomington sagt mir jeder nur, dass das ja nur „kleine“ Dinge wären, die ich falsch mache und ich mich einfach nicht dran stören soll… wie hilfreich…).
Im Kontext „Deutscher Akzent“ wurde da ein YouTube-Video zum immer wieder zitierten Weihnachtshit. Zum Schluss dieses trockenen Artikels also noch etwas Lustiges. Ich hoffe nur, er ist willentlich komisch:
Zur Erläuterung: Ein “party pooper” ist ein Spielverderber bzw. eine Spaßbremse.


Hallo Julia!.
I just found your blog site and have been reading all your posts. I am getting nothing done because this is too much fun. I loved your post from Christmas about spending time with our family. It was nice of you to be so complimentary about our crazy family! And very nice of you to tell the story of my book!
Now you’ve got me “hooked” on the youTube videos of Flula – he’s absolutely hilarious. I’ve been laughing all morning.
Anyway, I hope you read this–we had such a wonderful time when you were here. I hope we can meet again sometime. Good luck deciding what you want to do about your studies. It sounds like it’s a very hard decision. I can understand.
Love you! Big hugs from Minnesota.
“Tante” Liz :-)